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Archiv für den Monat August 2013

FotoWenn mehrere Türme auffällig beieinander stehen, wird das in Anlehnung an den gleichnamigen Ort in der Toskana als San Gimignano Phänomen (SGPh) beschrieben. In der Wissenschaft wird zudem das Maß der Auffälligkeit berechnet, das die Türme durch ihr Verhältnis ergeben, der sog. SGPh-Koeffizient. Dessen Berechnung ergibt sich durch die Anwendung einer Matrix und bewegt sich zwischen 0 (nicht zutreffend) bis 10 (höchste Besonderheit). Bezog sich zu Beginn die Beschreibung des Phänomens ausschließlich auf Bauten, so erfuhr das San Gimignano Phänomen seit den 70er Jahren eine über die Architektur hinausgehende Auslegung. Seither wird  das Phänomen erweitert beschrieben „als Formen der Ballung von sich gegenseitig konstrastierenden Ähnlichkeiten“ (Paul Quirin) und findet seine Anwendung auch in der ökonomischen Theorie und der Poltikwissenschaft. Beeinflusst ist die seit damals gebräuliche Charakterisierung durch die Dissonanz-Theorie, wonach Dinge gerade durch ihre Ähnlichkeit eine Intensivierung der Wahrnehmung auslösen. Die beinahe identischen Twin Towers in New York stellten einen diesbezüglich gebauten Höhepunkt dar und haben die Diskussion zum SGPh damals maßgeblich beeinflusst.

Ich möchte hier ein kürzlich von mir gemachtes Photo aus Zürich vorstellen und möchte dazu anregen, die seither in der Architektur verkümmerte Diskussion um das SGPh und seinen Koeffizienten neu und zeitgemässer wieder aufzunehmen Das Photo zeigt konventionell das SGPh als Architektur-Erscheinung.  Auch sind es nur zwei Türme, der Freitag-Turm und der Prime-Tower, die sich aber gerade dadurch auszeichnen, dass sie unterschiedlicher kaum sein können. Der SGPh-Koeffizient ist trotz der interessanten Auffälligkeit nur mittelhoch, da die bestimmenden Dissonanz-Faktoren gering bewerten werden. Der Koeffizient beträgt lediglich 4. Es lässt sich ahnen, dass die Beeinflussung der SGPh-Diskussion durch die Dissonanz-Theorie vielleicht nicht rückgängig, aber zumindest das SGPh neu beschrieben und vielleicht anders bewertet werden muss. Fortsetzung folgt.

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Bildschirmfoto 2013-07-27 um 19.35.20    Zu der Anthologie Das Orale über die Kultur- und Medizingeschichte der Mundhöhle, herausgegeben von Hartmut Böhme und Beate Slominski, habe ich einen Text beigetragen. Ich beschreibe meinen Antrieb, mir bei Ausstellungen immer einen Audioguide geben zu lassen, und die immer gleichen Abfolge, dass er mir  nach drei Nummern am Hals baumelt oder gleich in der Jackentasche verschwindet. Ich versuche mir klar zu machen, wieso der Audioguide nicht mein Freund werden kann. Und dass ich es erst verstehen kann, wenn ich mir über die verschiedenen Formen des Sprechens in der Kunst und ihre Bedeutung für die Rezeption klar werde.

Dabei überprüfe ich meine Argumente im Kontakt mit aktuellen Kunstwerken, San Kellers Digestiv (Walk) oder die Arbeit The artist is present von Marina Abramovic helfen mir dabei. Von Arthur C. Danto stammt die Überlegung, dass das Sprechen der Künstler über ihre eigenen Werke maßgeblicher Bestandteil ihrer Arbeiten ist und diese dadurch verändert werden. Dass Künstler über ihre Arbeiten sprechen, ereignet sich am selbstverständlichsten bei Eröffnungen, wenn ihre Anwesenheit erwartet wird. Mit dem Moment der Anwesenheit und dem Sprechen über Kunst gehen San Keller, Marina Abramovic oder auch Markus Zimmermann, den ich ebenfalls mit einbeziehe, sehr unterschiedlich um. Mein Beitrag im Buch findet sich auf Seite 271ff. Ein Link zu dem Buch, in das die Herausgeber ein Füllhorn an Text- und Kunstbeiträgen hineingeschüttet haben, findet sich hier.